Infantile Zerebralparese ICP

Mit dem Begriff Infantile Zerebralparese (ICP) umschreibt der Mediziner eine bei Kindern vorkommende Störung im Bewegungsablauf und der Körperhaltung, welche auf eine Schädigung des Gehirns zurückzuführen ist.

Infantile Zerebralparese ICPCharakteristisch für Patienten mit einer ICP sind abnorme Reflexe sowie Koordinationsschwierigkeiten (Foto by: kalinovsky / Depositphotos)

Der Krankheitsbegriff Infantile Zerebralparese (ICP) geht auf den britischen Orthopäden John William Little zurück, der die Symptome zu Beginn des 19. Jahrhunderts erstmals beschrieb. Mit einer ICP wird die endgültige Schädigung eines kindlichen Gehirns beschrieben. Die Ursachen für eine Hirnschädigung sind Sauerstoffmangel unter der Geburt, Unfall (Schlag auf den Kopf), Hirnblutungen oder Infektionen. Die Schädigung des Gehirns ist dauerhaft und kann nicht korrigiert werden. Charakteristisches Merkmal sind sowohl Störungen im Bewegungsablauf - in manchen Fällen können einzelne Gliedmaßen gar nicht bewegt werden – als auch starke Haltungsschäden, die aufgrund von Veränderungen in der Muskelspannung auftreten. Bei etwa 3 von 1000 Neugeborenen tritt eine ICP auf, meist handelt es sich um Frühgeburten.

Ursachen für eine ICP

Für eine ICP kommen unzählige Ursachen in Frage. In vielen Fällen ist nicht direkt nachweisbar, welcher Einfluss die ICP letztendlich ausgelöst hat. Der Mediziner unterscheidet zwischen

  • pränatalen bzw. vorgeburtlichen Ursachen
  • perinatalen Ursachen (Ereignisse während der Geburt) und
  • postnatalen bzw. nachgeburtlichen Ursachen.

Pränatal können vor allem Sauerstoffmangel, Alkoholkonsum der Mutter, Rhesusunverträglichkeit, Infektionen oder eine Plazentainsuffizienz das Gehirn des Fötus schädigen.

Unter der Geburt (perinatal) können eine Ablösung der Plazenta, ein geburtstraumatische Ereignis oder eine Nabelschnurverlegung um den Hals als Ursache für eine ICP in Frage kommen.

Nach der Geburt lösen vor allem Gefäßverschlüsse und Embolien, Hirnhautentzündungen oder Schädel-Hirn-Trauma als Folge eines Unfalls eine ICP aus. In manchen Fällen kommen mehrere Ursachen für eine ICP in Frage. Es ist außerdem möglich, dass eine ICP trotz Vorliegen einer oder mehrere Ursachen gänzlich ausbleibt. Oft ist jedoch auch eine genaue Ursache feststellbar.

Symptome einer ICP

Welche Symptome sich als Folge einer ICP zeigen, hängt im Wesentlichen davon ab, welche Regionen des Gehirns wie stark geschädigt worden sind. Charakteristisch für Patienten mit einer ICP sind abnorme Reflexe, Bewegungsabläufe, die willkürlich und nicht gesteuert ablaufen (Dyskinesien) und Koordinationsschwierigkeiten.

Kinder mit einer ICP sind meist vermindert intelligent, manchmal verhaltensauffällig; sie leiden außerdem oft unter Seh- und Hörproblemen.

Der Mediziner fasst unterschiedliche Symptomkomplexe zusammen und definiert

  • spastische Symptome
  • dyskinetische Symptome
  • kongenitale Ataxie-Symptome
  • Hypotonie-Symptome.

Unter spastischen Symptomen sind alle Beeinträchtigungen des Bewegungsapparates zusammengefasst. Sie reichen von leichten Lähmungen einzelner Körperpartien bis hin zu vollständiger Bewegungsunfähigkeit.

Unter dyskinetischen Symptomen versteht der Mediziner das abwechselnde Anspannen einzelner Muskeln und plötzlichem Spannungsabfall derselben Muskelpartien. Als Folge zeigen sich unkontrollierte und willkürliche Bewegungen.

Unter kongenitalen Ataxie-Symptomen versteht der Mediziner das Unvermögen, Bewegungen gezielt ausführen zu können; grob motorische Fähigkeiten sind herabgesetzt.

Mit Hypotonie-Symptome sind Zustände verminderter Muskelspannung gemeint, in dessen Folge häufig epileptische Anfälle auftreten. Langfristige Folge einer ICP sind aufgrund der Spastiken verkürzte Muskeln und Sehnen, Verformungen an Gelenken und Knochen und Verkürzungen der Gliedmaßen. Ist die Achillessehne verkürzt, bildet sich außerdem ein sogenannter Spitzfuß. Je nachdem, welche Hirnregion betroffen ist, entwickelt sich die Sprachfähigkeit des Kindes nur sehr langsam. Konzentrationsfähigkeit und Sozialverhalten ist bei manchen Kindern mit ICP eher schwach ausgeprägt.

Untersuchungen und Diagnose

Eine Diagnose zu stellen, ist auch für den erfahrenen Mediziner nicht einfach. Eine ICP zeigt sich in der Regel erst später, etwa wenn das Kind schlecht trinkt, unverhältnismäßig schreit, unruhig ist oder keinen Kontakt zur Mutter herstellt. Da diese Verhaltensweisen als Reaktion auf viele andere Krankheiten bzw. Entwicklungsstände beobachtet werden, ist die Diagnosestellung schwierig.

Besteht der Verdacht auf eine ICP, wird ein Arzt wird die Bezugsperson des Kindes im Rahmen einer Anamnese genau befragen. Besonders interessant ist für den Arzt, ob es während der Schwangerschaft oder unter der Geburt besondere Vorkommnisse gegeben hat, die eventuell eine ICP ausgelöst haben könnten. Während des Gesprächs wird der Arzt das Kind beobachten und Verhaltensauffälligkeiten, z.B. eine Trinkschwäche, Schluckbeschwerden, Teilnahmslosigkeit oder fehlende Kontaktaufnahme beobachten. Krampft das Kind, zeigt es eine überstreckte oder sehr schlaffe Körperhaltung oder schielt es stark, so sind das weitere Indizien für das Vorliegen einer ICP.

Der Arzt wird nach derartigen Beobachtungen weitere Untersuchungen einleiten, etwa eine Magnetresonanztomographie (MRT), eine Liquorpunktion (Entnahme von Rückenmarksflüssigkeit) und/oder Blut- und Urinanalysen. Bestätigt sich der Verdacht auf eine ICP, so wird der Arzt gemeinsam mit Therapeuten und den Eltern gezielte Therapien erarbeiten, um für den Patienten Verbesserungen zu erreichen.

Behandlung, Therapie und Komplikationen

PhysiotherapieDie Physiotherapie versucht, die Bewegungsfähigkeit bei Patienten mit einer ICP zu verbessern. (Foto by: photographee.eu / Depositphotos)

Es gibt eine Reihe therapeutische Maßnahmen, die Kindern mit einer ICP bei dem Erlernen verschiedenster Fähigkeiten unterstützen können. Grundsätzlich gilt: Bei Verdacht auf eine ICP muss so früh wie möglich mit einer gezielten Therapie begonnen werden. Oft ist es möglich, dass andere Regionen des Gehirns die Aufgaben der geschädigten Regionen übernehmen. Das muss aber möglichst früh initiiert werden. Je nach Ausprägung der ICP stehen darüber hinaus konservative und operative Therapien zur Verfügung.

Die konservativen Therapien umfassen Physiotherapie nach Vojta oder nach Bobath, Ergotherapie und Logopädie. Die Physiotherapie versucht, die Bewegungsfähigkeit zu verbessern. Der Therapeut entwickelt auf den Patienten abgestimmte Übungen, die etwa das Bewegen der Gliedmaßen unterstützen. Die Ergotherapie leitet den Patienten zur Selbsthilfe an (z.B. sinnvolle Benutzung der Hände). Die Logopädie schult die Sprach- und Essfähigkeit und das Schlucken. Sinnvoll ist, wenn alle beteiligten Therapeuten Hand in Hand arbeiten – nur so können die besten Ergebnisse für den Patienten erreicht werden.

Auch medikamentöse Therapien sind möglich - gegen starke Lähmungserscheinungen etwa kann ein Arzt Antispastika und Neuroleptika geben, um so die Lähmungserscheinungen einzudämmen. Verkrampfte Muskeln können durch Botulinumtoxin A entspannt werden.

Aus dem Bereich der Orthopädietechnik ist ebenfalls Hilfe zu erwarten. So stellen Orthopädietechniker auf die individuellen Bedürfnisse des jeweiligen Patienten Geh-, Steh-, Sitz- oder Greifhilfen her, womit der Bewegungsradius des Patienten erheblich erweitert werden kann. Komplikationen sind im Rahmen der Therapien nicht zu erwarten. Wichtig ist jedoch, genau zu beobachten, welche Therapie dem Patienten hilft und welche eher nicht. Modifikationen an den Übungen und/oder der Medikamente werden dann in Absprache mit dem Therapeuten und den Eltern vorgenommen.

Seit 2006 werden Kinder, die unter der Geburt unter Sauerstoffmangel litten und damit ein großes Risiko tragen, eine ICP auszubilden, unmittelbar nach der Geburt in ein Kältebett gelegt. Es konnte beobachtet werden, dass auch nach Beendigung des Sauerstoffmangels weiterhin Gehirnzellen absterben und dass das Herabsetzen der Körpertemperatur auf etwa 32 Grad diesen Prozess weitestgehend verhindert. Etwa eine Woche wird das Neugeborene im Kältebett liegen. Gegen kältebedingte Schmerzen erhält das Neugeborene eine entsprechende Medikation. Mit der Kältetherapie konnten beachtliche Erfolge erzielt werden.

Prävention und was ich selbst tun kann

Einer ICP kann nur sehr bedingt vorgebeugt werden. Da sich Alkoholkonsum der Mutter verheerend auf die Entwicklung des Gehirns auswirken kann, sollte die werdende Mutter unbedingt direkt nach dem Eintritt der Schwangerschaft auf Alkoholkonsum – auch kleinster Mengen – verzichten. Es ist möglich, bereits während der Schwangerschaft bei Vorliegen bestimmter Krankheitsbilder - etwa einer Spina befida oder einer Malformation - auf eine spätere ICP zu schließen.

Selbst erfahrene Pränataldiagnostiker werden jedoch nicht mit Bestimmtheit sagen können, wie stark eine ICP sein wird und welche Einschränkungen das Kind tatsächlich haben wird. Zeigt sich schon pränatal, dass es Komplikationen geben könnte, kann die Mutter per Sectio entbinden.

Kommt es unter der Geburt zu einem Sauerstoffmangel, so konnten in jüngster Vergangenheit durch eine gleich nach der Geburt eingeleiteten Kältetherapie beachtliche Erfolge bei der Verhinderung einer starken ICP erzielt werden. Um die Folgen einer ICP abzuschwächen, ist es unbedingt notwendig, möglichst frühzeitig mit einer gezielten Therapie und Förderung des Kindes zu beginnen.


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