Migräne und Spannungskopfschmerzen (Interview mit Kopfschmzerexpertin Dr. Nadine Vavra)

In Österreich sind bis zu eine Millionen Menschen von Migräne betroffen. Viele andere leiden häufig an Spannungskopfschmerzen und das täglich. In diesem Interview erklärt Kopfschmerzexpertin Dr. Nadine Vavra den Unterschied zwischen Migräne und Spannungskopfschmerzen, wie diese zwei Leiden entstehen können und wie man sie am besten behandeln lässt.

MigräneMeist tritt die erste Migräne zwischen der Pubertät und dem 25. Lebensjahr auf. (Foto by: SIphotography / Depositphotos)

fitundgesund.at: Welche Arten von Kopfschmerzen werden unterschieden? Welche davon sind die häufigsten?

Dr. Vavra: Nach aktuellem Stand unterscheiden wir heute über 360 verschiedene Kopfschmerzdiagnosen, wobei hier der Migräne und dem Kopfschmerz vom Spannungstyp mit über 90% die größte Bedeutung zuteil wird.  Grundsätzlich unterscheidet man zwischen primären und sekundären Kopfschmerzen. Bei primären Kopfschmerzen (z.B. Migräne) findet sich keine zugrundeliegende Erkrankung, die ursächlich für den Kopfschmerz ist. Bei den sekundären Formen (z.B. Nebenhöhlenentzündung, Gehirnblutung, etc.) ist der Kopfschmerz Leitsymptom einer zugrundeliegenden Erkrankung, sodass hier das Erkennen von Warnhinweisen durch den Arzt entscheidend ist.

fitundgesund.at: Mit welchen Methoden stellen Sie die Art des Kopfschmerzes bei Patienten fest?

Dr. Vavra: Eine umfassende Erhebung der bisherigen Krankengeschichte ist von zentraler Bedeutung im Rahmen einer Kopfschmerzabklärung. Mit Hilfe einer ausführlichen Anamnese kann in den meisten Fällen eine klare diagnostische Zuordnung erfolgen. Daneben spielt auch eine sorgfältige klinisch-neurologische Untersuchung eine wichtige Rolle. Sollten sich hierbei Auffälligkeiten ergeben, oder bestimmte Warnhinweise aus der Anamnese vorliegen, können in einzelnen Fällen weiterführende Untersuchungen indiziert sein.

fitundgesund.at: Welche Beschwerden sehen Sie am häufigsten?

Dr. Vavra:  In Österreich gibt es etwa 1 Million Menschen, die von Migräne betroffen sind. Laut WHO zählt die Migräne zu den 10 "am meisten behindernden Erkrankungen". Dies spiegelt sich auch in der Arbeit in meiner Praxis wider, da hier die Migräne, gefolgt vom Kopfschmerz vom Spannungstyp, am häufigsten diagnostiziert wird. Bei manchen Patienten finden sich auch Mischformen beider Schmerzarten. Ein immer relevanteres Thema stellt der Kopfschmerz bei Schmerzmittelübergebrauch dar. Daher ist hier eine umfassende Aufklärung aller betreuenden Berufsgruppen unbedingt notwendig.

fitundgesund.at: Was unterscheidet Spannungskopfschmerzen von Migräne?

Dr. Vavra:  Die Abgrenzung der Migräne gegenüber Kopfschmerzen vom Spannungstyp liegt zum einen im Schmerzcharakter: während sich der Schmerz bei der Migräne als meist einseitig, pochend-pulsierend präsentiert, ist dieser beim Kopfschmerz vom Spannungstyp typischerweise dumpf-drückend, oder ziehend und beidseitig vorhanden.

Ein weiteres typisches Merkmal der Migräne ist die deutliche Verstärkung der Schmerzen durch körperliche Routinetätigkeiten, wie beispielsweise Treppensteigen. Migränepatienten suchen Bettruhe auf, Spannungskopfschmerz wird dagegen durch Bewegung an der frischen Luft besser.

Ein drittes Unterscheidungskriterium liegt im Auftreten von Übelkeit und Erbrechen, sowie Licht- und Lärmempfindlichkeit. Übelkeit und Erbrechen treten bei Kopfschmerzen vom Spannungstyp nicht auf, während Licht- oder Lärmempfindlichkeit möglich, aber nicht typisch sind.

fitundgesund.at: Wie wird Migräne behandelt?

Dr. Vavra: Voraussetzung für eine wirksame Behandlung ist eine eingehende Information und Beratung des Patienten. Bei der Migränebehandlung unterscheidet man grundsätzlich zwischen der Therapie der akuten Attacke und der Prophylaxe, also der Vorbeugung.

Im akuten Anfall empfiehlt sich neben reizabschirmenden Maßnahmen (Bettruhe, Abdunkeln des Zimmers) die frühzeitige und ausreichend dosierte Einnahme eines Schmerzmittels. Zu den Präparaten der ersten Wahl zählen Acetylsalicylsäure und Ibuprofen. Bei fehlendem Ansprechen dieser Medikamente, oder bei sehr starken Schmerzen gelten Triptane als Standardtherapie. Opioide haben in der Akuttherapie der Migräne keinen Stellenwert.

Eine medikamentöse Prophylaxe ist in erster Linie bei häufigen und schweren Attacken indiziert. Da die Migräne als ganzheitliche Erkrankung zu sehen ist, bei der viele Faktoren eine Rolle spielen, können sich daher vorbeugend auch Lebensstiländerungen positiv auf die Erkrankung auswirken.

Migräne und SpannungskopfschmerzenAuch wenn Frauen öfter betroffen sind, können serwohl auch Männer unter Migräne leiden. (Foto by: NatashaFedorova / Depositphotos)

fitundgesund.at: Wie kann man häufige Kopfleiden am besten vorbeugen?

Dr. Vavra: Das ist eine sehr gute Frage, die jedoch nicht so einfach zu beantworten ist, da für jeden Patienten ein individuelles Vorgehen herausgearbeitet werden muss. Um eine langfristige Linderung zu erzielen, hat sich eine Kombination aus medikamentösen und nicht-medikamentösen Verfahren als am wirkungsvollsten herausgestellt.

Im Hinblick auf Migräne kommt hierbei vor allem einer Modifikation der Lebensumstände eine große Bedeutung zu, indem man auf einen geregelten Schlaf-Wach-Rhythmus, regelmäßige Mahlzeiten, sowie Vermeidung von zu schnellen Wechseln zwischen An-und Entspannung achtet. Zusätzlich empfiehlt sich regelmäßiger aerober Ausdauersport, sowie Selbstentspannungsverfahren (progressive Muskelentspannung nach Jacobson).

fitundgesund.at: Wie funktioniert das multimodale Modell bei Ihren Patienten?

Dr. Vavra: Der Begriff der multimodalen Kopfschmerztherapie lässt sich aus den lateinischen Wortstämmen viele (lat. multi) und Arten (lat. modi) ableiten. Das heißt, es werden mehrere Therapieformen kombiniert, um einen ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen und so die optimale Kopfschmerztherapie für jeden Patienten anbieten zu können.  Hierbei hat sich in meiner Praxis bewährt, zusätzlich zu den medikamentösen Wegen, Verhaltensmaßnahmen zu erarbeiten, die einerseits der Schmerzbewältigung dienen und andererseits auf Vermeidung von ganz persönlichen Einflussfaktoren abzielt. Als zusätzliche verhaltensmedizinische Methode hat sich die Behandlung mit Biofeedback als wertvoll erwiesen.

Mir ist es wichtig, gemeinsam mit den Patienten Therapieziele und Behandlungsstrategien zu erarbeiten, die individuell auf die Person und ihre Krankheitsgeschichte abgestimmt sind.

fitundgesund.at: Wie sieht die Alters- und Geschlechterverteilung bei Kopfschmerzen aus? Neigt eine Gruppe mehr dazu als andere?

Dr. Vavra: Für die Migräne gilt, dass sie grundsätzlich in jedem Alter beginnen kann, meist tritt sie jedoch erstmals zwischen der Pubertät und dem 25. Lebensjahr auf. Eine Erstmanifestation nach dem 40. Lebensjahr ist sehr selten und sollte immer Anlass zur weiterführenden Diagnostik geben.

Bis zur Pubertät sind Jungen und Mädchen gleich häufig von Migräne betroffen, danach zeigt sich ein deutliches Überwiegen bei Frauen, die dann etwa dreimal häufiger betroffen sind als Männer. Wichtig ist mir hierbei jedoch zu betonen, dass Migräne eine Volkskrankheit, aber keineswegs eine Frauenkrankheit ist.

fitundgesund.at: Danke für das Interview!

Mehr Informationen zu Dr. Nadine Vavra finden Sie hier: Nadine Vavra


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Autor: Dr. Nadine Vavra
Infos zum Autor: Doktorin der Neurologie und Expertin für Kopfschmerzen mit Ordination in 1140 Wien
Erstellt am: 28.11.2019
Überarbeitet am: 02.12.2019

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