Evidenzbasierte Phytotherapie im Kampf gegen Viren

Univ.-Prof.i.R Mag. pharm. Dr. Dr.h.c. Brigitte Kopp erklärt in dem Interview wie Arzneipflanzen zur Bekämpfung von Erkältungsbeschwerden angewendet werden können.

Phytotherapie bei ErkältungArzneipflanze können wirkungsvoll gegen Erkältungsbeschwerden angewendet werden. (Foto by: poznyakov / Depositphotos)

1. FitundGesund.at: Was sind die häufigsten Ursachen einer Erkältung?

Univ.-Prof.i.R Mag. pharm. Dr. Dr.h.c. Brigitte Kopp: Eine Erkältung ist eine akute Infektion der Schleimhaut von Nase (einschließlich der Nebenhöhlen), Hals und/oder Bronchien.

Die häufigsten Auslöser sind Virusinfektionen. Es gibt über 200 Arten von Viren, die eine Erkältung auslösen können (z.B. Rhinoviren oder Coronaviren), wobei eine starke Häufung im Winter zu beobachten ist.

Die Vielzahl an Viren erklärt, warum wir mehrmals im Jahr an einer Erkältung erkranken können. Von diesen häufigsten Infektionen bei Menschen sind Kinder im Vorschulalter in besonderem Ausmaß betroffen. Die Ansteckung mit dem Virus erfolgt meist durch eine Tröpfcheninfektion, zum Beispiel beim Sprechen oder Husten.

2. FitundGesund.at: In welche unterschiedlichen Stadien kann eine Erkältung eingeteilt werden?

Univ.-Prof.i.R Mag. pharm. Dr. Dr.h.c. Brigitte Kopp: Eine Erkältungserkrankung durchläuft verschiedene Stadien und ist mit unterschiedlichen Symptomen verbunden. Erste Anzeichen wie vor allem Halsschmerzen und Schluckbeschwerden beginnen meist ein bis zwei Tage nach der Infektion.

Kurz darauf tritt oft eine Entzündung der Nasenschleimhäute auf: Die Nase „rinnt“, man hat Schnupfen.

Oft kommen im späteren Verlauf noch Kopfschmerzen sowie Gliederschmerzen hinzu. Viele Betroffene fühlen sich matt und abgeschlagen, die Lebensqualität ist massiv beeinträchtigt. Das Auftreten von Fieber ist möglich. Etwa ab dem sechsten Tag kann sich auch Husten entwickeln, der zunächst trocken, später auch produktiv sein kann. Bei unkomplizierten Verläufen klingen die Beschwerden in der Regel innerhalb von etwa neun Tagen ab.

3. FitundGesund.at: Sind Antibiotika bei Atemwegserkrankungen sinnvoll?

Univ.-Prof.i.R Mag. pharm. Dr. Dr.h.c. Brigitte Kopp: Wenn die Erkältungswelle kommt, denken viele Menschen: „Jetzt helfen nur noch Antibiotika.“ Dies ist jedoch eine massive Fehleinschätzung, denn fast alle Erkältungen werden durch Viren verursacht – und gegen diese Krankheitserreger sind Antibiotika machtlos, sie wirken nur gegen Bakterien.

Das bedeutet: Antibiotika helfen gegen Erkältungen fast nie, sie verursachen jedoch oft Nebenwirkungen wie Durchfall, Ausschlag oder Übelkeit. Eine Erkältung mit einem Antibiotikum zu behandeln, ist nur dann sinnvoll, wenn zusätzlich zur Virusinfektion noch eine zweite Infektion durch Bakterien – eine sogenannte bakterielle Superinfektion – erfolgt ist. Dies ist jedoch nur in rund fünf Prozent aller ursächlich viral bedingten Atemwegsinfekte der Fall. So ist etwa eine akute bakterielle Rhinosinusitis normalerweise eine sekundäre Infektion, die aus einer durch einen akuten viralen Infekt verursachte Verengung oder Verlegung der Nasennebenhöhlen resultiert.

Eine aktuelle Metaanalyse von vier Studien bei insgesamt 1.314 Kindern bis zu fünf Jahren mit Infekt der oberen Atemwege belegt eindrucksvoll, dass die Verwendung von Antibiotika keinen vorbeugenden Schutz vor der Entstehung einer Mittelohrentzündung (Otitis media) oder Lungenentzündung (Pneunomie) bietet.

4. FitundGesund.at: Welche Phytopharmaka können bei einer Erkältung wirkungsvoll angewendet werden?

PhytotherapieBei der Phytotherapie werden Pflanzenzur Behandlung diverser Beschwerden angewendet. (Foto by: JanPietruszka / Depositphotos)

Univ.-Prof.i.R Mag. pharm. Dr. Dr.h.c. Brigitte Kopp: Zur Behandlung von Atemwegserkrankungen sind pflanzliche Arzneimittel – zum Beispiel aus der Kapland-Pelargonie, aus dem Efeu oder den vielen Pflanzen-Kombinationspräparaten – besonders gut geeignet, weil die verwendeten Pflanzen bzw. die daraus gewonnenen Zubereitungen nicht nur eine einzelne Wirksubstanz (wie etwa bei einem synthetischen Arzneistoff) enthalten, sondern immer eine Mischung vieler Substanzen, einen „Arzneistoffcocktail“.

Je nach Pflanzenart finden sich darin immunstimulierende, entzündungshemmende, antibakterielle, antivirale, sekretolytische, d.h. schleimverflüssigende, oder reizmildernde Stoffe. Diese Kombination bewirkt in ihrer Gesamtheit die gewünschten positiven Effekte.

Zur Behandlung von Erkältungserkrankungen steht eine breite Palette zugelassener pflanzlicher Arzneimittel zur Verfügung. Ihre Wirksamkeit wird von Kritikern immer wieder angezweifelt – völlig zu Unrecht. Denn: Für jedes hierzulande auf dem Markt befindliche Arzneimittel – unabhängig ob synthetischer oder pflanzlicher Natur – muss laut österreichischem Arzneimittelgesetz und gemäß internationalen Richtlinien der Nachweis der Wirksamkeit, der Unbedenklichkeit und der pharmazeutischen Qualität in der definierten Indikation erbracht sein.

5. FitundGesund.at: Was muss bei der Anwendung von Phytotherapeutika beachtet werden?

Univ.-Prof.i.R Mag. pharm. Dr. Dr.h.c. Brigitte Kopp: Bei Erkältungsinfekten ist in jedem Fall der frühzeitige Einsatz der Phytotherapeutika wichtig. Bei unkomplizierten Verläufen können sie auch ohne ärztliche Verordnung angewendet werden. Vor allem bei anhaltendem Fieber, Atemnot, Kopfschmerzen oder Nackensteifigkeit sollte jedoch in jedem Fall ein Arzt konsultiert werden.


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